Vor 300 Jahren starb Graf Johann Philipp zu Ysenburg-Büdingen, der 1699 hugenottischen Flüchtlingen Land gab und die Siedlung Neu-Isenburg gründete.
Wer war dieser Graf? Was war seine Motivation, Glaubensflüchtlinge aufzunehmen? Welches Denken und Handeln bestimmt die Zeit um 1718? Wie haben die Menschen gelebt? Diesen Fragen spürt die Ausstellung mit ihrem umfangreichen Begleitprogramm nach und zeichnet ein Lebens- und Gesellschaftsbild.

So erfahren die Ausstellungsbesucher etwas zur wirtschaftlichen Situation im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation nach dem verheerenden 30jährigen Krieg und den landesherrschaftlichen Bemühungen um Stabilität und Ordnung, Gewerbeansiedlung und Bekämpfung der Armut. Aber es werden auch gesellschaftliche Umstände beleuchtet: Die soziale Stellung der Ehefrauen des Grafen vor der Ebene dynastischer Heiraten und der Sicherung von Erblinien. Die Ausstellung greift weiter und stellt intime Fragen nach Körperhygiene und Parfumkultur, zeigt die aktuelle Mode um 1718, beschreibt Kunst, Kultur und Freizeitvergnügungen sowie Ernährungsgewohnheiten der Zeit. Religion und Glaubenswelt nimmt einen weiteren Schwerpunkt in der Ausstellung ein.

Das Projekt „1718 Graf Johann Philipp zu Ysenburg-Büdingen und seine Zeit“ wurde von der Stiftung Flughafen/Main für die Region gefördert.
 
Graf Johann Philipp zu Ysenburg-Büdingen
Graf Johann Philipp zu Ysenburg-Büdingen (1655-1718) machte sich als weitsichtiger Landesherrn einen Namen: In Folge des Dreißigjährigen Krieges war seine Grafschaft Offenbach verarmt, verwüstet, entvölkert. Doch Johann Philipp erkannte das Potential, dass in der Nachbarschaft zur Messe- und Handelsstadt Frankfurt lag. Verhinderten in Frankfurt die Handwerksgilden den Zuzug von fremden Arbeitern und der Gründung neuer Unternehmen, warb er aktiv Immigranten an. Vor allem die Hugenotten, protestantische Flüchtlinge aus Frankreich, die über ein fortschrittliches Wissen im Manufakturwesen verfügten, waren für ihn von Interesse. Die Hugenotten hatten nach der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes ihr Land verlassen müssen. Ihre Flucht führte sie zu dem reformierten Graf Johann Philipp von Ysenburg-Büdingen. Dieser sicherte ihnen im Rahmen seiner Ansiedelungspolitik Schutz, freien Gebrauch der französischen Sprache und Religionsfreiheit zu.

Zahlreiche Gewerbe entwickelten sich in Offenbach, insbesondere das Druckereiwesen gelang zu Bedeutung. In Offenbach wurde bald gedruckt, was in Frankfurt verboten war: religiöse Schriften von Abweichlern, aber auch hebräische Texte. Die Möglichkeit für Juden, ein eigenes Druckhaus zu unterhalten, machte Offenbach bald zum Zentrum des hebräischen Buchdrucks. Mit der Ansiedlung von Juden in Offenbach wurden der Bau einer Synagoge und die Einrichtung eines jüdischen Friedhofes erlaubt. Toleranz im Zeichen einer durchdachten Wirtschaftspolitik machte aus dem Dorf Offenbach bald eine florierende Handelsstadt. Auch die soziale Fürsorge wurde gewährleistet und 1714 ein Armen- und Waisenhaus, finanziert durch eine Lotterie, eingerichtet.

Neben den gut ausgebildeten Hugenotten kamen auch französische Flüchtlinge in die Grafschaft, die als einfache Handwerker und Bauern ihr Auskommen suchten. Ihnen wurde Land im Süden Offenbachs zugesprochen. Am 24.7.1699 leisteten 30 Hugenotten im Offenbacher Schloss Graf Johann Philipp zu Ysenburg und Büdingen den Treueeid. Die Flüchtlinge erhielten zwischen dem Dorf Sprendlingen und dem Frankfurter Stadtwald eine brachliegende Lichtung als Siedlungsland.  Das Dorf, das dort gegründet wurde, erhielt den Namen „Ysenburg“. Es wurde nach dem Grundriss einer Idealstadt angelegt. Die Siedlungsanlage bildete ein Quadrat mit Seitenlängen von 250 Metern. Dieses Quadrat wurde von acht sternförmig verlaufenden Gassen durchschnitten. Ihre Schnittstellen in der Mitte der Anlage bildeten einen Platz, auf dem 1702 das Rathaus gebaut wurde. Bereits 1700 waren zwei Gasthäuser errichtet worden. 1702 wurde auch der Grundstein für die reformierte Kirche gelegt, 1704 die erste Schule errichtet, in der bis 1829 auf Französisch unterrichtet wurde. 1777 wurde der Bau einer deutsch-lutherische Schule genehmigt. Deutsch wurde ab 1829 die Amts-, Kirchen- und Schulsprache.

Am 21. August 1894 erhielt die aufstrebende Handwerker- und Industriegemeinde durch Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein die Stadtrechte verliehen. Neu-Isenburg war mit fast 8.000 Einwohnern einer der größten Orte im Landkreis Offenbach mit dem höchsten Steueraufkommen. Dank der Strom- und Wasserversorgung und der guten Verkehrsanbindung entwickelten sich größere Industriebetriebe.

Heute hat Neu-Isenburg knapp 40.000 Einwohner und ist mit über 27.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ein bedeutender Wirtschaftsstandort. Internationale Konzerne, die Dienstleistungsbranche, Handel, Handwerk und Logistikzentren haben sich angesiedelt. Auch mittelständisch geprägte und einige produzierende Betriebe tragen zur hohen Wirtschaftskraft bei. Die Anbindung an drei Autobahnen, der Frankfurter Flughafen und ein umfangreiches Schienennetz sowie die Lage unmittelbar südlich angrenzend an das Finanzzentrum Frankfurt am Main machen Neu-Isenburg zu einem gesuchten Standort der Metropolregion RheinMain. Das Fundament der Wirtschaft sichert neben den Grundbedarfen eines Gemeinwohls und der Daseinsvorsorge auch die Freiheit des Geistes: Kultur in vielerlei Ausprägungen – Theater, Konzerte, Kunstausstellungen, literarische Lesungen – laden zum Reflektieren ein. Die Freiheit des Geistes sichert die individuelle Zufriedenheit, den gesellschaftlichen Fortschritt und ein stabiles Gemeinwesen.

Den Grundstein für all dies jedoch wurde 1699 mit der Gründung der hugenottischen Siedlung Isenburg gelegt und einem fortschrittlich denkenden Grafen, Johann Philipp von Ysenburg-Büdingen. Sein Leben, sowie die spätbarocke Lebenswelt des beginnenden 18. Jahrhunderts, bildet die Ausstellung ab, die zum 300. Todestag des Grafen am 21.9.2018 im Stadtmuseum „Haus zum Löwen“ eröffnet wird.

Ausstellungsdauer bis 24.2.19

Ausführliche Informationen zum umfangreichen Begleitprogramm sind im Veranstaltungskalender der Stadt Neu-Isenburg, https://neu-isenburg.de/kultur-und-freizeit/veranstaltungskalender und im Programm des Stadtmuseums „Haus zum Löwen“ unter https://hugenottenhalle.de/weitere-kulturorte/museen/stadtmuseum-haus-zum-loewen/veranstaltungen.
Das Programm liegt in der Hugenottenhalle, im Rathaus, in den Museen und anderen öffentlichen Einrichtungen aus.

Eintritt: Zahle, was du willst